Sitzplatz – Eine Stunde im Gras und plötzlich roch die Kiefer nach Schokolade

Es war Mittag und mitten im Sommer. Ich saß an meinem Sitzplatz. Dort war ich bisher immer nur morgens gewesen, und da war richtig was los: Vögel sangen, flatterten durch die Bäume, irgendwo raschelte es. Es gab immer etwas zu beobachten.

Aber an diesem Tag war es anders. Es war erstaunlich still. Ich konnte keinen Vogel hören und keinen entdecken. Und ehrlich gesagt war ich auch nicht besonders gut drauf. Ich war gestresst und hatte das Gefühl, dass mir gerade alles zu viel war. Also schloss ich für einen Moment die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um ein wenig loszulassen.

Dann saß ich da. Und schaute. Und schaute. Und fragte mich: Wie soll ich das hier bloß eine ganze Stunde lang aushalten? Mir war langweilig.

Ich legte mich ins Gras und schaute nach oben. Und dann entdeckte ich etwas. Was hängt denn da an den Kiefern? Ich betrachtete die Kiefern über mir und bemerkte, dass ihre Stämme oben ganz anders aussahen als unten. Dort war keine dicke, schuppige Borke. Stattdessen hingen überall Fetzen vom Stamm.

Fetzen? Ich sah genauer hin. Und dann schaute ich auf den Boden. Dort lagen tatsächlich Stücke, die wie dünnes Pergament aussahen. Ich hob eines auf und betrachtete es genauer. Das waren die Fetzen! Offenbar löst sich mit zunehmendem Alter im oberen Bereich des Stammes die äußere Rinde und fällt Stück für Stück zu Boden.

Aus meiner Langeweile war plötzlich Neugier geworden. Und genau das ist für mich einer der spannendsten Momente in der Natur: Wenn aus „Da ist ein Baum“ plötzlich „Was passiert denn hier eigentlich?“ wird.

Plötzlich war die Kiefer interessant. Ich begann, mir diese Bäume genauer anzusehen, die Rinde, die Nadeln, die verschiedenen Bereiche des Stammes. Die Unterschiede zwischen der unteren, dicken Borke und der dünnen, sich ablösenden Rinde weiter oben.

Und plötzlich ergab etwas anderes Sinn. Ich sehe bei meinen Spaziergängen ziemlich häufig Spechte an Kiefern. Bisher hatte ich das einfach als etwas wahrgenommen, das Spechte eben machen. Jetzt verstand ich ein bisschen besser, warum sie genau hier unterwegs sind. In den Schichten der Rinde können sich kleine Insekten verstecken. Für einen Specht ist so ein Kiefernstamm also möglicherweise eine gut gefüllte Speisekammer.

Und dann kam noch eine Entdeckung dazu: Diese dünne Pergamentrinde duftet nach Schokolade! Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich mich an diesem Tag mit dem Geruch von Kiefernrinde beschäftigen würde. Aber genau das ist passiert.

Wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich die Situation wirklich bemerkenswert. Ich hatte mich dort hingesetzt und war frustriert, weil nichts passiert. Dabei war natürlich die ganze Zeit etwas los. Ich hatte es nur noch nicht gesehen. Die Kiefern standen direkt neben mir. Ihre Rinde fiel zu Boden. In ihrem Stamm lebten kleine Tiere. Spechte suchten dort nach Nahrung. Und die Rinde hatte sogar einen Geruch, den ich bis dahin nie wahrgenommen hatte.

Nicht die Natur war langweilig. Meine Aufmerksamkeit war einfach noch nicht angekommen.

Irgendwann war die Stunde vorbei. Und das Verrückte war: Ich hatte überhaupt nicht mehr darüber nachgedacht, wie lange ich noch sitzen musste.

Ausgerechnet an einem Tag, an dem ich gestresst und unruhig war und dachte, ich würde diese Stunde niemals aushalten, hatte mich ein Stück Kiefernrinde aus meinem Gedankenkarussell herausgeholt. Nicht durch Anstrengung oder Ablenkung. Sondern durch Neugier.

Seitdem versuche ich, an meinem Sitzplatz nicht nur nach dem Offensichtlichen zu schauen. Ich frage mich: Was sehe ich heute, was ich beim letzten Mal noch nicht gesehen habe? Und manchmal reicht genau diese Frage, damit eine scheinbar langweilige Stunde draußen plötzlich ziemlich spannend wird. Und wenn mir dabei wieder ein Stück Pergamentrinde in die Hände fällt, werde ich ganz sicher daran riechen…

Und eine Seite in meinem Nature Journal hat dieses Erlebnis natürlich auch verdient:

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