Mein Sitzplatz

Eine der Kernroutinen in der Wildnispädagogik ist der sogenannte Sitzplatz. Dabei sucht man sich einen festen Ort in der Natur, den man über einen längeren Zeitraum regelmäßig besucht. Im Laufe der Ausbildung werde ich diesen Platz mindestens einmal pro Woche für eine Stunde aufsuchen. Mit dabei sind nur mein Naturtagebuch, ein Stift und eine Sitzunterlage.

Später wird auch die Erkundung meines Reviers dazugehören, eines etwa einen Quadratkilometer großen Gebietes rund um meinen Sitzplatz. Doch zunächst geht es darum, den Platz selbst kennenzulernen und anzukommen. Die Reviererkundung beginnt erst, nachdem ich einige Male einfach nur dort gesessen und beobachtet habe.

Eigentlich sollte ein Sitzplatz möglichst nah am Wohnort liegen. Mein Platz ist deutlich weiter entfernt als empfohlen wird. Trotzdem habe ich mich bewusst für ihn entschieden, denn er gehört zu meinen absoluten Lieblingsorten in der Umgebung. Hier gibt es keinen Straßenlärm, keine menschlichen Stimmen und keine anderen Geräusche der Zivilisation. Genau diese Ruhe habe ich lange gesucht.

– hinter den drei Kiefern liegt mein geliebter Sitzplatz –

Als ich ankam, war es warm, vermutlich um die 25 Grad oder sogar etwas mehr. Am Himmel zogen nur wenige Federwolken vorbei. Mein Platz liegt unter einigen Kiefern auf einem weichen Teppich aus Moos. Während sich die Baumkronen im Wind wiegten, war es am Boden fast vollkommen windstill.

Was mir sofort auffiel, waren die Mücken. Sehr viele Mücken. Für den nächsten Besuch werde ich definitiv an Insektenschutz denken müssen.

Ansonsten schien der Wald voller Leben zu sein. Verschiedene Vögel zwitscherten, Grillen zirpten und irgendwo klopfte ein Specht. Obwohl ich ihn lange suchte, bekam ich ihn nicht zu Gesicht. Waldameisen waren unermüdlich unterwegs und transportierten Gegenstände, die teilweise deutlich größer waren als sie selbst.

Interessanterweise bemerkte ich erst gegen Ende meines Aufenthalts, wie laut es um mich herum eigentlich summte und brummte. Während ich anfangs vor allem die Ruhe wahrgenommen hatte, traten die vielen kleinen Geräusche erst nach und nach in mein Bewusstsein. Es war, als würde sich mein Gehör langsam an die Umgebung anpassen.

Eine ganze Stunde still sitzen zu bleiben, habe ich allerdings (noch) nicht geschafft. Gegen Ende stand ich auf und begann, den unmittelbaren Umkreis meines Sitzplatzes zu erkunden. Im Radius von etwa zehn Metern entdeckte ich eine essbare Wildpflanze, die Waldfetthenne, und fand schließlich auch den Waldameisenhaufen, dessen Bewohner ich die ganze Zeit beobachtet hatte.

Mein erster Besuch hat mir gezeigt, dass dieser Platz noch viele Geschichten bereithält. Ich bin gespannt, was ich hier im Laufe des kommenden Jahres entdecken werde.

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